Viel Aktionismus – wenig Problemlösung: vom fehlenden Interesse an Pflege

„Hört das denn nie auf?“ fragte dieser Tage ein politisch interessiertes und aktives Mitglied, als die Tageszeitung die Pläne zweier Sozialexperten aus den Reihen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion aufgriff, man möge prüfen, ob Hartz-IV-Empfänger in der Pflege den Ausfall der Zivildienstleistenden ersetzen könnten. Die Initiative der Christdemokraten gehört zu einer Reihe von Maßnahmen, die tatsächlich als Aufwertung der Pflege betitelt sind. Neben der Zwangsrekrutierung der Langzeitarbeitslosen sollen auch illegale Arbeitsverhältnisse in der häuslichen Dementen-Betreuung zukünftig legalisiert werden. Die CDU-Politiker stellen sich vor, dass Menschen aus Nicht-EU-Staaten dann für eine Entlohnung von 800-1000 EUR und freier Kost und Logis Angehörige rund um die Uhr bei der Pflege unterstützen. Die Pflegekasse soll die Kosten für die Sozialversicherung der Betreuuer übernehmen.

Man kann nicht wirklich dagegen sein, dass eine bestehende und geduldete Praxis aus der Illegalität geholt wird – was stört, sind die Mißverständnisse, die damit einhergehen. Denn diese stehen für die völlige Ahnungslosigkeit der Volksvertreter über alles, was außerhalb der Finanzierung der Pflege mit dieser zu tun hat.

Das spiegelt sich in der Sprache: wenn Politiker über Pflege reden, meinen sie die ambulante und stationäre Pflege nach SGB XI.  Das gerade Krankenhäuser vor allem in Folge des fehlenden Pflegepersonals in ihrer Existenz bedroht sind, scheint neimand so recht mitzubekommen. In der Folge ist Pflege in der öffentlichen Wahrnehmung immer häufiger die Umschreibung für die Betreuung von Pflegeempfängern durch Angehörige, vornehmlich vor dem Hintergrund einer Demenz-Erkrankung. Der professionelle Aspekt von Pflege wird dabei immer weiter ausgeklammert, in den Vordergrund rücken die persönlichen Dramen, die in den Familien mit dieser Situation einhergehen.

Diese Wahrnehmungsstörung hat auch die Medienvertreter ergriffen, die genau diese Entprofessionalisierung der Pflege in ihrer Berichterstattung kommunizieren: Pflege ist, wenn Angehörige an ihre Grenzen kommen und so quasi gezwungen sind, Schwarzarbeiterinnen anzuheuern. Dass Pflege sich gerade an den Bedürfnisse und Fähigkeiten des Pflegeempfängers orientieren sollte – so zumindest das Verständnis von Pflege bei den Profis – geht in den Kommentaren dann schon mal unter.

Das alles trägt aber nicht annähernd zur Lösung der Probleme in der Pflege bei. Der Mangel an Pflegepersonal ist offenkundig, es fehlen zig-hunderttausende professionell Pflegende in allen Versorgungsbereichen. Während ein zukünftiger potenzieller Ärztemangel alle Ebenen der gesellschaftlichen Debatte erreicht hat, interessieren sich für den tatsächlichen Mangel an gut ausgebildeten Pflegenden im Moment wohl in erster Linie vor allem die Fachverbände.

Die Spitze des Eisberges ist noch gar nicht erreicht, der Pflegenotstand entfaltet sein volles Potenzial in zehn Jahre. Das ist eine erheblich längere Zeitspanne als eine Legislaturperiode, folglich kümmert man sich zunächst einmal um die Bewältigung der vermeintlich akuten Aufgaben. Und das sind die, an die sich die Menschen bei der nächsten Wahl noch erinnern.

Aus Gründen, die sicher noch näher zu beleuchten sind, will es der Berufsgruppe der Pflegenden nur schwer gelingen, ihre Interessen politisch durchzusetzen. Die Verbände mühen sich, der größte Teil der Pflegenden hält sich hingegen sehr bedeckt, wenn es um die Bündelung der Interessen geht. Dabei wären die Pflegenden eine echte politische Macht, wir reden immerhin von gut 1.000.000 Personen, die beruflich in Deutschland pflegen.

Und sie haben gute Argumente für eine echte Aufwertung der professionellen Pflege: echte Unterstützung erfahren Angehörige, wenn Pflegende mit den richtigen Instrumenten eine geplante Pflege durchführen, die den Betroffenen in seiner Individualität respektiert und seinen Möglichkeiten in die Pflege einbezieht. Angehörige brauchen Anleitung und Beratung – auch das ist professionelles Pflegehandeln und das sind Kernkompetenzen von Pflegenden. Pflegende lernen, mit Belastungen umzugehen, die Familienangehörige kaum aushalten können. Man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn Betreuerinnen ohne diese Fähigkeiten und Fertigkeiten mit belastenden Situationen alleine zurecht kommen müssen.

Die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in NRW, Barbara Steffens, hat kürzlich auf den Punkt gebracht, was alle wissen: „Wir brauchen keinen weiteren Pflegegipfel, wir brauchen Taten“ . Dem kann man nur zustimmen. Langzeitarbeitslose in die Pflege und die Legitimation bestehender Unterstützungsangebote als Aufwertung der Pflege zuverkaufen, manifestiert eine „satt und sauber-Pflege“, die mit einem professionellem Pflegeverständnis nichts gemein hat – und ist eine Ohrfeige für  beruflich Pflegende und der blanke Zynismus, wenn man nur auf die Versorgungssitaution der Pflegeempfänger schaut. Dass die Abgeordenten nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen können, will uns einleuchten – dass sie wider besseren Wissen zu wenig Energie in die drängenden Probleme investieren, macht uns aber zornig. (Zi)

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2 Kommentare zu Viel Aktionismus – wenig Problemlösung: vom fehlenden Interesse an Pflege

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  2. Fine sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Ich denke gerade für ältere Pflegebedürftige Menschen ist die Pflege wohl sehr wichtig. Wir sind nun auch am Überlegen ob wir für meine Großmutter mit der ambulanten Pflege anfangen sollen. Da wir aus beruflichen Gründen nicht so viel Zeit dafür haben, wäre es schon sehr schön, wenn uns etwas Arbeit abgenommen werden kann.

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