Von wegen „drohender“ Pflegenotstand

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung macht gerade eine Serie über die Pflege und den „drohenden“ Pflegenotstand. Von wegen „drohender“ Notstand – DBfK-Geschäftsführer Michael Huneke (Nordwest) findet deutliche Worte für die fortgesetzte Ignoranz die Situation der Pflege in Deutschland gegenüber betreffend:

Hier „droht“ nichts, der Pflegenotstand ist seit vielen Jahren unser ständiger Begleiter. Pflegende kompensieren seit vielen Jahren das ständige Versagen der Politik. Nur um es deutlich zu diffferenzieren: In der Politik wird Pflegenotstand als Form des Personalmangels begriffen. Tatsächlich meint Pflegenotstand aber eine „innere Not“ der Pflegefachperson, welche in der Arbeitsrealität erkennt, dass sie nicht die Pflege praktizieren kann, welche eigentlich für den betreuten Menschen wichtig wäre. Das führt auf Dauer entweder zur „Erkaltung“ oder zum „Burnout“; in jedem Fall lässt sich die therapeutische Beziehung zum Patienten so nicht aufrecht erhalten.

Im Gegensatz zur Politik, welche ganz plötzlich zu erwachen scheint, hat die WAZ ja schon mehrmals über das schwierige Feld Pflege und Gesundheit berichtet. Um es klar zu sagen: die Studie von PwC bringt es speziell für NRW noch einmal auf den Punkt, aber ansonsten legen wir die getrost zu den anderen Untersuchungen, z.B. von Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) oder zur so genannten NEXT-Studie oder zu den Untersuchungen der Berufsgenossenschaft (BGW) und der DAK Krankenversicherung usw.usf. Es herrscht seit vielen Jahren wahrlich kein Mangel an Information. Die Probleme liegen lange auf dem Tisch. In zahlreichen Landtagsanhörungen haben wir und andere nachweislich immer wieder angemahnt, das schlimme Verhältnisse auf uns zukommen, die durchweg struktureller Art sind.

Noch vor drei Jahren wurde ein Personalmangel in der Pflege seitens der damaligen Landesregierung in einer Anhörung schlicht ignoriert. Man verließ sich entgegen den Aussagen der Experten lieber auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit, die in ihren Zahlen für die Folgejahre keinen Bedarf erkennen konnte. Es komme jeder Pflegende gut auf dem Arbeitsmarkt unter. Wen wundert´s: der Mangel war ja auch schon da. Statt hierin ein Risiko zu erkennen (keine Reservoir an Pflegefachpersonen), war der damalige Minister Laumann glücklich, dass der „Arbeitsmarkt“ Pflege so boomte und bemühte sich vermehrt Minderqualifizierte für die Pflege zu gewinnen. Auf unseren Einwand, dass gute Ausbildung nun mal mindestens drei Jahre Qualifizierung brauche und deshalb sofort in die Ausbildung investiert werden müsse, hieß es nur: kein akuter Bedarf, kein Geld. Eine Ausbildungsumlage, wie sie jetzt Ministerin Steffens für die Altenpflegeausbildung fordert, hätte seinerzeit umgehend eingerichtet werden müssen und wurde von uns auch gefordert. Heute kommt die Initiative viel zu spät. Die Schaffung neuer Ausbildungsplätze ändert nichts mehr daran, dass diese jetzt gar nicht mehr zu besetzen sind. Der Nachwuchs hat sich anders orientiert.

Statt das Arbeitsfeld Pflege aufzuwerten, hat man mit vereinten Kräften in den vergangenen 10-15 Jahren das Image gründlich ruiniert. Skandalberichte über Pflegefehler und Reportagen über den selbstausbeuterischen Arbeitsalltag von Pflegenden haben völlig verdrängt, dass dieser Beruf für beziehungsorientierte, aber auch für technisch begeisterte junge Menschen ein Spektrum an Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten birgt, welches kaum ein anderer Beruf bietet. Das gilt sowohl in der inhaltlichen Breite als auch intellektuell zwischen Ausbildungsberuf und zahlreichen Studienmöglichkeiten. Karrierewege sind ebenfalls zahlreich auszumachen, z.B in verschiedenen Leitungsebenen. Hier fehlt es allerdings an einer leistungsorientierten Entlohnung. Gleichzeitig wurde das Augenmerk auf die bestens organisierten Medizinier und die mit einem dort angenommenen Mangel prognostizierten Probleme gerichtet. Richtig ist aber auch, dass z.B. jede Gehaltssteigerung der Ärzte im Krankenhaus mit einer weiteren Abwertung von Pflegenden bezahlt wurde. Bereits in den Jahren 1995 – 2005 wurden die Budgetausgaben der Krankenhäuser für die Pflege um 13,5% gekürzt; im Gegenzug die Ausgaben für die Ärzte um gut 19% gesteigert. Das korrespondiert mit einem massiven Abbau von pflegerischem Fachpersonal im Krankenhaus um rund 50.000 Pflegende im selben Zeitraum (dip 2007).

Zum anderen hat die Politik, statt die Probleme nachhaltig anzugehen, auf Bundes- und auf Landesebene auf eine Kultur des Misstrauens unter dem Signum der Transparenz gesetzt. Damit wird der Bevölkerung suggeriert, wenn man nur immer weiter Druck durch immer neue Prüfungen ausübe, würden letztlich Pflegefehler vermieden. Erreicht hat man damit einen weiteren Ausstieg gerade der motivierten Pflegenden aus dem System, die es einfach nicht mehr ertragen wollen zum „Sündenbock der Nation“ abgestempelt zu werden, während die Verantwortlichen ihre Arbeit nicht machen. Bei zunehmend schlechterer personeller Ausstattung der Pflegeeinrichtungen und einem erhöhten Pflegebedarf, wurden die Prüfverfahren immer weiter verfeinert; ein irrsinniger Apparat an „nichtsnutzigen“ verwaltenden Prüfern und eine Fülle an immer neuen Verwaltungsvorschriften hat die Pflegenden zusätzlich in ihrem Kerngeschäft, nämlich der direkten Betreuung von pflegebedürftigen Menschen, stranguliert. Transparenz würde eigentlich bedeuten, den Bürgerinnen und Bürgern klar mitzuteilen, dass Pflege unter den gegebenen Umständen so nicht zu finanzieren ist. Also im Klartext, dass entweder mehr Geld ins System muss oder dieses ganz anders verteilt werden muss oder ein deutlicher Abbau von Leistungen folgen wird. Das traut sich die Politik aber nicht, oder nur häppchenweise. Das vom ehemaligen Gesundheitsminister Rösler ausgerufene Jahr der Pflege wurde jüngst von seimen Nachfolger Bahr kassiert. Eine Pflegereform sei in den zerstrittenen Regierungsparteien derzeit nicht zu machen. Die Probleme werden ausgesessen.

Das nächste kritische Element wurde durch die folgerichtige Anpassung der Pflegedienste an die gegebenen Verhältnisse erzeugt. So wie oben übers Krankenhaus berichtet, haben auch die Wohlfahrtunternehmen in der stationären Pflege in großem Stil die Arbeitsbedingungen systemrelevant immer weiter verschlechtert. So wurden Tarifsysteme ausgehebelt, indem z.B. nicht nur die Freien, sondern auch AWO oder Diakonie Personengesellschaften ausgeliedert haben, in denen die Löhne für Pflegende weiter gedrückt wurden. Das funktionierte bislang deshalb, weil sich Pflegende, anders als Ärzte, kaum gewerkschaftlich oder berufsständisch organisieren. Hier schlagen die Strukturen eines zu 85% von Frauen ausgeübten Berufes durch, in dem das Privatleben stärker betont wird als die Berufsausübung. Nur – jetzt gibt es nichts mehr zu kompensieren, der Krug ist bis zur Neige ausgeleert. Arbeitgeber suchen jetzt händeringend nach Pflegefachpersonen, auch indem sie teilweise Abwerbungsprämien in Höhe mehrerer Gehälter anbieten. Langsam besinnen sich auch die Betriebe darauf, dass sie mehr anbieten müssen als ein geregeltes Gehalt, sondern Maßnahmen der Gesundheitsförderung im Betrieb, Genderthemen usw. Eines ist inzwischen klar – die Privatisierung des Gesundheitswesens und die Ausrichtung auf einen Pflegemarkt löst keine Probleme nachhaltig, sie schafft diese erst. So wird im Lande längst nicht mehr jeder Bedürftige angemessen versorgt. Zuzahlungen muss man sich aber leisten können.

Es ist eine hilflose Politik, weiter auf das „tote Pferd einschlagen“, statt die strukturellen Probleme der Pflege anzugehen. Für die Aufwertung des Berufes sind diese seit mehr als 20 Jahren hinlänglich bekannt:

  • bessere Personalausstattung
  • Gesundheitsförderung im Unternehmen, z.B. auch um ältere MitarbeiterInnen halten zu können
  • Rückgewinnung ausgestiegener Pflegefachpersonen
  • leistungsgerechte Entlohnung
  • Zusammenfassung der Ausbildungsgänge zu einer gemeinsamen Ausbildung Pflege
  • Fort- und Weiterbildungsinitiativen
  • zügiger Ausbau der Akademisierung
  • Einrichten einer pflegerischen Selbstverwaltung und damit Erhöhung des Organisationsgrades der professionellen Pflege

Es ist nicht mehr Fünf-vor-Zwölf, es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Und es geht um Ehrlichkeit im Diskurs.

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4 Kommentare zu Von wegen „drohender“ Pflegenotstand

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