Tief im Osten: Chinesische Pflegerinnen sollen die Pflege retten

China – exotisch, riesig und weit weg. Die Republik mit der rasant wachsenden Volkswirtschaft entwickelt sich zu einer festen und stabilisierenden Größe in einer den ökonomischen Taktgebern folgenden Welt. Dazu tragen auch die derzeit knapp 1.4 Milliarden Bewohner Chinas bei – der Staat in Asien ist das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Ist der Impuls des Arbeitgeberverbandes Pflege also der richtige, nun in China nach Pflegenden zu suchen, die hierzulande die Folgen des demografischen Wandels auffangen könnten? Der Dachverband der Arbeitgeber plant, ab dem kommenden Jahr in einem Pilotprojekt mit zunächst 150 Kolleginnen aus China die Möglichkeiten auszuloten, die sich durch Zuwanderung aus Asien ergeben können. Im Interview mit der Deutschen Welle begründet Arbeitgeber-Präsident Thomas Greiner diesen Schritt mit einer hohen Arbeitslosigkeit von Pflegenden in China und einer klaffenden Fachkraftlücke hierzulande.

Aber auch die Bevölkerung Chinas altert mit enormem Tempo – Folge der staatlichen Geburtenkontrolle der zurückliegenden Jahrzehnte und der steigenden Lebenserwartung in einer prosperierenden Wirtschaft. Nach Angaben der Vereinten Nationen verdreifacht sich der Anteil der über 65-Jährigen Chinesen in den kommenden 40 Jahren von derzeit 8 auf 24%. Im selben Zeitraum steigt der Abhängigkeitsquotient, der das Verhältnis von wirtschaftlich abhängigen Altersgruppen zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter darstellt, von derzeit 39% auf 63% – das heißt, dass immer weniger Chinesen einen immer größer werden Teil ihrer Landsleute finanziell stützen müssen. Die demografische Entwicklung macht vor der großen Kulturnation nicht halt.

Natürlich wird auch in China für die Zukunft geplant – gerade beginnt man dort, Einrichtungen zur Langzeitpflege alter Menschen zu etablieren. In einer von unseren Vorstellungen von Pflege abweichenden Pflegelandschaft wird im Reich der Mitte erst begonnen, eine Infrastruktur aufzubauen. Das formale Ausbildungsniveau ist höher als in Deutschland. Dennoch: auch Chinesische Pflegerinnen klagen über schwierige Arbeitsbedingungen und schlechte Entlohnung. Viele würden gar planen, ihr Glück im Ausland zu suchen.

Dem ist nichts zu entgegnen – es ist gut, dass Menschen frei entscheiden können, wo sie sich niederlassen und einer Arbeit nachgehen wollen. Aber lasst uns mal über den Tellerrand schauen: In vierzig Jahren gibt es nach Hochrechnungen ca. 1.4 Milliarden Chinesen. Davon werden gut 31% über 60 Jahre alt sein. Das sind gut 430 Millionen Chinesen – knapp weniger Menschen, als die EU heute Bewohner hat. Das statistische Bundesamt rechnet hoch, dass der Anteil der über 60-Jährigen in Deutschland im Jahr 2050 bei 36,7% liegt. Bei einer Bevölkerungszahl von dann noch 75 Millionen immerhin ein Anteil von knapp 28 Millionen Menschen. Wenn wir also schon Probleme haben – wie soll es dann erst den Chinesen gehen. Es ist nicht abwegig, anzunehmen, dass auch dort in der Folge der demografischen Entwicklung zukünftig enorme Herausforderungen zu bewältigen sind.

Während wir aber in Deutschland eine bestehende Infrastruktur nach und nach dem Markt zum Fraß vorwerfen, bemüht man sich in Fernost erst um den Aufbau einer solchen. Mit den zu erwartenden Veränderungen in China wird Pflege auch dort zum Mangelberuf. Was fehlt, sind Konzepte, die weltweit eine gute Pflege sicher stellen. Diese dürfen sich nicht darin erschöpfen, hier Löcher zu stopfen und dafür andernorts welche zu reißen.

Für die Erfüllung eines solchen Anspruchs müssen wir uns von bekannten Gedankenmustern verabschieden. Zur Disposition stehen die derzeitige Finanzierung von Pflege, Ausbildungsstrukturen, Hierarchien und Grenzen. Öffnen müssen wir uns für ergänzende Technologien, andere Zuständigkeiten und eine gesellschaftliche Anerkennung von Pflege, die über die Lippenbekenntnisse hinausgeht. Das ist weniger eine nationale Aufgabe – sondern ein globaler Auftrag.

 

P.S.: Schlagzeilen, die wir uns vom Arbeitgeberverband Pflege noch wünschen würden:

  • 100% der im AGV Pflege vertretenen Einrichtungen als beste Arbeitgeber im Gesundheitswesen ausgezeichnet
  • AGV Pflege: Fachkraftquote wichtiger als Rendite
  • Arbeitgeberverband einigt sich konfliktfrei mit Tarifpartnern: Verhandlungsergebnis spiegelt Bedeutung der Pflege wieder
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Ein Kommentar zu Tief im Osten: Chinesische Pflegerinnen sollen die Pflege retten

  1. Es gibt nix, was nicht von irgendwem noch schlechter gemacht werden könnte. Herr Zylajew (MdB, CDU) hat Thesen ventiliert, die sich nicht um den Import von Pflegekräften, sondern um den Export von Pflegebedürftigen ranken. Mehr dazu unter: http://www.pflegestufe.info/rss/2012-iv/2012-11-07.html (7.11.2012)
    Die Pressemitteilung des DBfK vom 8.11. fragt: „Bankrotterklärung deutscher Pflegepolitik?“:
    http://www.dbfk.de/pressemitteilungen/wPages/index.php?action=showArticle&article=Bankrotterklaerung-deutscher-Pflegepolitik-.php&navid=100

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