Tut was…

Ein Teil der Arbeitgeber und deren Vertreter machen Front gegen die Pflegekammer in Schleswig-Holstein. Das kann man aus deren Perspektive sogar verstehen – ihnen ist einfach nicht an einer organisierten Pflege gelegen, das käme sie teuer und am Ende müssten sie sich sogar mit den Bedürfnissen der Berufsgruppe befassen. Warum Ver.di nun ausgerechnet mit denen an einem Strang zieht, ist allerdings schon schwer verständlich und eigentlich nur noch psycho-analytisch zu erklären.

Zumal die Gegner der Pflegekammer in Schleswig-Holstein nicht gerade zimperlich sind. Da ihnen aus ihrer Perspektive schlicht keine Argumente für ihre Position zur Verfügung stehen, erfinden sie halt welche. Da werden z.B. in Pflegeeinrichtungen Unterschriften gegen die Kammer gesammelt, weil die Mitgliedschaft dort im Monat 120,00 EUR kosten würde. Der Arbeitgebervertreter bpa verteilt Flugzettel unter der Überschrift „Wahrheiten über die Pflegekammer“ (sic!) und warnt vor einer Fortbildungsverpflichtung für Pflegende, die von diesen auf eigene Kosten und in deren Freizeit abgegolten werden müsse. Nun, lieber bpa, das hättet ihr ja in der Hand.

Aus der Perspektive der beruflichen Pflege ist aus diesem Lager noch nie etwas vernünftiges herausgekommen: Abbau von Zugangsqualifikationen für den Pflegeberuf, Zuwanderung als wichtigstes Instrument gegen den Fachpersonalmangel, Mindestlohn statt leistungsgerechter Vergütung und vieles mehr. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, es geht um die Leistungserbringer und damit um Geld. Da ist wenig Platz für eine gute Pflege. Und eins ist mal sicher: wenn eine unter dem Dach des Arbeitgeberverbandes Pflege beheimatete Organisation etwas zur Pflege sagt, können die politisch engagierten Pflegenden sich gleich in Oposition bringen und „ICH BIN DAGEGEN“ rufen.

Leider läuft es häufig anders und das Bild von den Lämmern, die sich zur Schlachtbank führen lassen, drängt sich unmittelbar auf. Es sind Pflegende, die aus Angst um ihren Arbeitsplatz die o.a. Unterschriftenlisten bedienen. Es sind Pflegende, die den Pseudo-Argumenten der Gegner der organisierten Pflege auf den Leim gehen. Und es sind Pflegende, die kleine regionale Splitter-Gruppierungen gründen und sich dort mit 120% Engagement für bessere Bedingungen in der Pflege ereifern. Häufig finden sich diese Gruppierungen auch, weil die sich dort engagierenden Menschen Vorbehalte gegen Gewerkschaften und Berufsverbände haben, also nicht bereit sind, sich in diesen zu engagieren.

Das ist ihr gutes Recht und es ist zunächst zu begrüßen, wenn Pflegende sich für ihre Situation und die der zu Pflegenden einsetzen. Dass die Verweigerung eines Engagements in einem der etablierten Verbände aber damit begründet wird, dass die Funtkionärinnen und Funktionäre dort mit Nichtstun gerade auf Kosten der Pflegenden reich werden würden und im Grunde nur auf einen fett dotierten Posten bei der Pflegekammer spekulieren würden, das ist mit Nachdruck anzuprangern und soll hiermit geschehen. Es ist ja wohl nicht zuviel verlangt, vor dem Meckern erstmal etwas genauer hinzuschauen.

Der Einsatz für die Pflegekammer ist eine Forderung, die von Mitgliedern der Berufsverbände in einem basisdemokratischem Abstimmungsprozess formuliert wurde. Die im Ehrenamt engagierten Funktionärinnen und Funtkionäre setzen sich in ihrer Freizeit für die Entwicklung des Pflegeberufes ein (das ist nachgerade das Kennzeichen eines  Ehrenamtes) – also zusätzlich zu ihrem Brotberuf, meist in einer Pflegeeinrichtung oder einem Krankenhaus. Und falls jetzt noch jemand auf die Idee kommt, dann seien es eben die Mitarbeiterinnen und Mitarbieter der Berufsverbände, die sich aus persönlichem Interesse für eine Pflegekammer engagieren: die meisten der so gescholtenen kommen ebenfalls aus dem Pflegeberuf und sind Mitglied in einem der Berufsverbände. Es muss einfach erlaubt sein, sich für ein wichtiges (berufs-) politisches Ziel zu engagieren und dabei nicht in den Verdacht zu geraten, nur die eigenen Belange im Kopf zu haben.

So bleibt es eine unumstößliche Tatsache: solange Pflegende auf engagiert Pflegenden rumhacken, solange werden die Gegner der professionellen Pflege ein leichtes Spiel haben. Und eine weitere Wahrheit ist, dass bis jetzt noch jeder der Initiativen außerhalb der Berufsverbände irgendwann die Luft ausgegangen ist. Das ist sehr bedauerlich, weil dabei viel Leidenschaft und Engagement auf der Strecke bleiben. Und das Letzte, was wir brauchen, ist eine Koalition von Arbeitgeberverbänden, die mit der Zustimmung der Gewerkschaften der Pflege diktiert, wie diese zu sein hat. Tut was…

P.S.: Wer sich über Pflegekammern informieren möchte, kann dies vielleicht besser hier tun.

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